Hurra, wir fahren Nachtbus!

Vor allem mit kleinen Kindern ist eine zehnstündige Fahrt von Lima nach Trujillo mit dem Nachtbus auf südamerikanischen Straßen angenehmer (und günstiger) als mit dem Auto.

Die Entscheidung für das Verkehrsmittel ist daher schnell gefallen. So ersparen wir uns mehrmaliges Anhalten zum Tanken, Klopausen und schlafen ist im Bus mitunter sowieso bequemer

Komfortzone Nachtbus

In Peru gibt es zahlreiche Anbieter, die alle diverse Komfortkategorien anbieten. Früher hat mir Semi-Cama gereicht. Allein das ist schon bequemer als ein österreichischer Reisebus. Die Sitze lassen sich recht weit zurückstellen. Die Füße können auf ausklappbare Ablageflächen gelegt werden. Irgendwann stieg ich dann auf noch mehr Komfort um. Das Zauberwort heißt „bus cama“ – „Bettbus“: Die Sitze sind breit wie in einer Businessklasse im Flugzeug, daher haben auch nur drei in einer Reihe Platz. Die Sitze lassen sich je nach Kategorie unterschiedlich weit zurücklehnen. Wir überlegen nicht viel und nehmen Super-Cama, das bedeutet 180 Grad – wobei diese Angabe nicht ganz der Realität entspricht, aber es kommt nah dran.

Eigentlich könnte Wutzi als Dreijähriger noch Gratis auf dem Schoß eines Erwachsenen mitreisen. Wir zahlen jedoch lieber 110 Soles mehr, damit abwechselnd einer von uns sich ausstrecken kann. Eine gute Idee, wie sich herausstellen wird. Es lohnt sich, bei mehreren Reisenden die Tickets ein paar Tage vorher zu kaufen, wenn man zusammensitzen möchte. Bei der Hinfahrt sind wir rechtzeitig dran. Bei der Rückfahrt buchen wir erst einen Tag vor der Abreise und bekommen nur mehr die Reihe nach den Stufen. Es ist heller und wir sitzen direkt neben der Lüftung. Der einjährige Sonnenschein und die Mama sind dannach leider etwas erkältet.

Abenteuer Nachtbus

Für Wutzi ist das Ganze ein einziges Abenteuer. Allein die Ankündigung „Heute schlafen wir in einem großen Bus“ lässt ihn aufhorchen. Trotz Müdigkeit sitzt er Aufmerksam im Auto auf dem Weg zur Busstation. In Lima gibt es nicht eine zentrale Busstation. Jede Firma hat ihren eigenen Terminal oder sogar mehrere in verschiedenen Stadtteilen. Die Terminals liegen teilweise nah beieinander. Es trägt nicht unbedingt zur Entlastung des Verkehrsaufkommens bei, wenn sich zur Hauptverkehrszeit auch noch die riesigen Busse durch die Ein- und Ausfahrten manövrieren. Die obligatorischen Hupkonzerte der Autofahrer und Mikros sorgen zwar nicht dafür, dass es schneller geht, aber sie sind Teil der Szenerie. Wenn dann noch der 1-jährige Sonnenschein unruhig auf meinem Schoß herumtritt und vor Müdigkeit weint, dann wird mir trotz der winterlichen Temperaturen von 18-Grad heiß. Mein Aggressionspegel steigt. Als ich noch ohne Kinder in Südamerika auf Reisen war, hab ich die Mentalität mit Gelassenheit und amüsiert miterlebt. Jetzt bin ich ziemlich gefordert. Und trotzdem: ich steh einfach auf diesen Thrill!

Wie läuft so eine Nachtbusfahrt eigentlich ab?

Der Terminal der Ittsa-Buslinie ähnelt einer Lagerhalle. Vor allem die Gepäckaufgabe. Hier bin ich beeindruckt ob der organistorischen Abwicklung, die ich so früher noch nicht erlebt habe. An zwei Schaltern steht ausgeschrieben, für welche Abfahrtszeiten gerade das Gepäck angenommen wird. Wir sind viel zu früh dran und müssen noch warten. Wutzi hat bereits die vielen großen Busse hinter einem Zaun entdeckt. Sonnenschein ist mittlerweile auch wieder aus seinem Prä-Einschlafzustand aufgewacht und blickt neugierig in dem Getümmel herum. Nach zwanzig Minuten Wartezeit geben wir unser Gepäck am Schalter ab. Wir haben natürlich wieder viel zu viel mit, aber mir fällt es schwer, die klimatischen Bedingugen an der Küste im Norden, wo ich noch nie war, um diese Jahreszeit einzuschätzen. Und ich vergesse immer wieder, dass man ja in jedem Kaff seine Wäsche waschen lassen kann.

Dann heißt es noch in der Wartehalle unter grellem Neonlicht die Zeit bis zur Abfahrt zu verbringen. Wutzi läuft wie ein Irrer auf und ab. Mit Papa teilt er sich noch ein Eis. Großartig. Das wird helfen, dass er im Bus bald einschläft?

Fünf Minuten vor der Abfahrt um 21:10 dürfen wir in den Bus einsteigen. Die Plätze sucht man sich beim Ticketkauf im Internet oder bei einer Verkaufsstelle vorab aus. Der Bus ist aber groß! Wutzi ist ganz angetan. Er thront in seinem riesigen Sitz. Stolz. Ein bisschen ehrfürchtig. Neugierig. Draußen ziehen die Lichter vorbei. Sonnenschein schläft bald auf meinem Arm ein. Und Wutzi? Der schaut aus dem Fenster, wo die Lichter vorbeiziehen. Noch fast zwei Stunden. Dazwischen gibt es einen Snack. Weißbrot mit einer Scheibe Fleischdings drinnen, die sich Schinken nennt. Ein warmer Tee wird auch serviert. Irgendwann lehnt sich der Kleine dann doch zurück. Papa kippt seinen Sitz ein bisschen nach hinten und verzichtet für die Einschlafphase darauf, sich auf dem Bildschirm, der an jedem Vordersitz angebracht ist, seinen Actionfilm weiterzuschauen. Endlich gehen die Äuglein zu. Wir kippen den Sitz vollständig die fast 180 Grad nach hinten, schützen seinen Kopf mit zwei Pölstern und decken ihn mit der Decke zu. Die Vorhänge werden zugezogen. Auch ich lege mich nach hinten, Sonnenschein halb auf mir drauf. Während der Nacht werden der Papa und ich einander abwechseln.

Nachtruhe im Bus

Bei etwa 80 km/h auf einer teilweise holprigen Straße, wiegt so ein großer Bus einen angenehm in den Schlaf. Nur manchmal stören die Straßenlichter, die bei der Durchfahrt von Ortschaften oder beim Passieren der Mautstellen durch die Ritze zwischen den Vorhängen blinken. Leider gehen die Windeln beider Kinder über. Die Kleidung ist nass und muss gewechselt werden. Dabei wird mir in dem schwankenden Bus schlecht. Der Papa übernimmt.

Um 6 Uhr geht plötzlich das Licht an. Wir sind fast am Ziel. Wutzi wacht auf. Sonnenschein schläft auf mir weiter. Vor der Ankunft serviert der Busbegleiter ein Päckchen mit dem Frühstückssnack, bestehend aus Saft, einem Sandwich wie am Vorabend und bunten Keksen. Nicht gerade das kulinarische Highlight aber ein Hit für einen Dreijährigen.

Wir sind alle zusammen ausgeruhter als wir es nach einer 9-stündigen Autofahrt wären. Ein richtiges Frühstück gibt es dann auch noch im Haus der Tante.

Neu bedeutet nicht unbedingt besser

Die Rückfahrt läuft leider nicht ganz so glatt ab. Es waren nur mehr drei Plätze in der Nähe der Hauptlüftung frei. Das bedeutet, dass es zunächst extrem warm ist und in der Nacht ständig unangenehm zieht.  Von den Treppen scheint Licht herüber. Der Bus ist moderner als der bei der Hinfahrt. Die Anzeigelampen für Notausgang und Sitzplätze sind irgendwie heller. Und es gibt eine Art Zwischenbeleuchtung, die die Busbegleiterin vergisst auszuschalten. Der einjährige Sonnenschein wird durch sein eigenes Husten, aufgeweckt. Die Zwischenbeleuchtung ist viel zu hell. Er schläft nicht mehr ein und weint. Irgendwann rufe ich die Hostesse und bitte sie, das Licht auszuschalten. Ach, sie hat anscheinend darauf vergessen. Zu dumm auch. Das weinende Baby tut ihr leid. „Was hat es denn?“, fragt sie zuckersüß und mitfühlend (mit dem Baby). „Es war ihm zu hell, du dumme Kuh. Er ist einfach müde und kann nicht einschlafen vor lauter Durcheinander, Husten, Schwitzen… Ach du blöde…“. So schreit es in meinem Kopf. Ich packe die Trage aus und schnalle mir mein 11 kg schweres Kind um. Stehend wippe ich gemeinsam mit dem ohnehin wippenden Bus auf und ab. Mein Kopf wird genau von der Lüftung angepustet. Endlich schläft Kind ein. Ich setze mich genervt und erschöpft hin. Der Papa hilft mir, den Sitz zurückzulehnen. Mit dem Baby vor den Bauch geschnallt schlafe ich nur schwer ein, aber irgendwie schaffe ich es, die Trage abzunehmen. Zum Glück ist im Nachtbus genug Platz.

Trotz einer anstrengenden Rückfahrt sind wir zufrieden. Immerhin wacht Wutzi am nächsten Morgen ausgeschlafen aus, als wir in Lima im Morgenverkehr zum Busterminal tuckeln, wo die Großeltern schon auf uns warten.

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