Wenn dein Kleinkind operiert wird

Mit einem zweijährigen Kleinkind über Nacht ins Krankenhaus für einen Operation, während das vier Monate alte Stillbaby beim Papa bleibt.

Vor einem Jahr meint der Kinderarzt, wir sollten mit Wutzibutz wegen einer sogenannten Hydrocele zum Kinderchirurgen. Aber wir hätten noch Zeit. Normalerweise geht der Leistenkanal bei Buben im 1. Lebensjahr von selbst zu. Selten auch noch danach. Also versuchen wir es zunächst mit Osteopathie und wollen warten, ob er sich nicht doch noch von selbst schließt.

Ich bin der Schulmedizin definitiv nicht hörig. Die größte Herausforderung seit meiner ersten Schwangerschaft besteht für mich darin, so genannte alternative Methoden und die Schulmedizin bestmöglich zu kombinieren. Der Natur ihren Raum geben und doch zu sagen „Bitte helft mir“, wenn es schulmedizinische Möglichkeiten gibt, meinen Körper und die meiner Kinder zu unterstützen.

Der Leistenkanal meines Kindes verschließt sich nicht von selbst, also gehen wir im Frühjahr zu Dr. Werner Geißler, dem vom Kinderarzt empfohlenen Kinderchirurgen. Mittlerweile bin ich hochschwanger. Der Chirurg bestätigt mittels Ultraschall die Vermutung des Kinderarztes und rät zur Operation. Ein leichter Eingriff, bei kleinen Kindern allerdings unter Vollnarkose zusätzlich zur Lokalanästhesie. Es eilt nicht, aber zu lange sollen wir nicht warten.

Zunächst habe ich Zeit, die Informationen zu verarbeiten, nachzudenken und mich mit anderen auszutauschen. Und wir stocken die Privatversicherung auf volle Sonderklasse auf, denn Dr. Geißler operiert in der Privatklinik Döbling. Bis das Upgrade greift, müssen wir ein halbes Jahr warten. Das gibt noch mehr Zeit zu warten, ob sich das ganze nicht von selbst erledigt.

Tut es nicht. Also wird im Herbst operiert. Mittlerweile ist der kleine Bruder auf der Welt. Einerseits ist für mich völlig klar, dass ich mit dem Großen ins Krankenhaus gehe. Aber was mache ich mit dem Kleinen? Kann ich ein Stillbaby ins Krankenhaus zur Übernachtung mitnehmen? Und wäre das überhaupt sinnvoll? Oder soll doch der Papa mit dem Großen gehen und ich bleibe beim Säugling zu Hause?

Ich entscheide mich, das Stillbaby in Papas Obhut zu geben. Es ist sein drittes Kind. Wir haben bereits Fläschchen trinken geübt und abgepumpte Milch haben wir auch schon für diesen Fall eingefroren. Fürs Packen des Köfferchens nehme ich mir am Vormittag ausgiebig Zeit. Zu Pyjamas und Windeln kommen neue Bücher, ein neues Auto vom Opa aus Peru, die Babypuppe und der große Stoffhase.

In den Tagen davor setze ich mich mit meinen Gefühlen auseinander. Ich habe Angst. Angst, dass etwas schiefgeht. Dass im äußersten Fall mein Kind nicht aus der Narkose aufwacht. Ich gebe mein Kind in die Hände von Ärzten. Ich kann mich nicht um ihn kümmern. Muss die Kontrolle über sein Wohlbefinden völlig abgeben. Ich kann auch sonst nicht sein Leben kontrollieren sondern immer nur mein bestes Geben. Leben und Tod liegen nicht in meiner Hand. Da gibt es eine andere Instanz, die darüber entscheidet. Ich kann ihm nur zur Seite stehen. Und doch ist diese Tatsache erst in dieser Situation für mich zum ersten Mal so deutlich spürbar. Für die Ärzte mag es ein Routineeingriff sein, keine große Sache, für mich als Mutter ist es eine Ausnahmesituation.

Die Tagedavor genieße ich das Beisammensein mit meinem kleinen Großen noch mehr und ganz bewusst. Zu fünft tanzen wir schließlich Abends um halb 6 in Döbling an: der 2-jährige Große, der in der Früh operiert werden soll. Mama, Papa, Stillbaby und der 11-jährige Halbbruder. Wir bekommen noch ein Abendessen – ein Potpourri aus den verschiedenen Abendmenüs – das uns alle verköstigt. Wir stellen alle Sessel und Hocker, die wir finden können, um den kleinen runden Tisch in dem Einzelzimmer. Ich stille noch einmal den Kleinen ausgiebig, dann verabschieden sich die drei.

Wutzibutz ist zufrieden, aber viel zu lebhaft für so eine Krankenhaus-Atmosphäre. Den Gang hin und her zu laufen wäre ganz lustig, aber leider geht der eine Gang in den nächsten über, mit Treppenhäusern dazwischen, leicht zu öffnenden Schränken mit Krankenhausutensilien wie Tupfer und Spritzen, also heißt es zurück ins Zimmer. Wir leihen uns von den Schwestern auf der Station einen Schraubenzieher aus, um das neue Spielzeugauto aus seiner Halterung in der Verpackung zu schrauben. Die Zeit vergeht schnell. Es wird geduscht und dann ab ins Bett. Das hohe Krankenhaus-Gitterbett auf Rädern ist ihm unheimlich. Kuscheln lässt sich im schmalen Einzelbett ohnehin besser. Mama genießt die Nähe heute sowieso mindestens genauso viel wie Wutzibutz.

Irgendwann schläft er zufrieden ein und ich lege ihn in sein Gitterbett zur Babypuppe und dem Stoffhasen, der ihn vor den harten Metallstäben schützt. Ich habe noch das detaillierte Informationsblatt zur Narkose und das zur Operation der Hydrocele zu lesen. Nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich endlich damit fertig und habe einige Fragen für die Ärzte im Kopf. Doch zunächst muss auch ich schlafen, denn die Operation ist bereits für 6 Uhr in der Früh geplant. Die Krankenhausluft ist trocken, mir ist heiß, doch mit geöffnetem Fenster kann ich mit dem Straßenlärm auch nicht einschlafen. Außerdem bin ich ziemlich aufgedreht. Irgendwann schlafe ich doch ein. Zumindest für ein paar Stunden, bis ich mit prallem Busen aufwache. Zum Glück habe ich die Milchpumpe mit und einen Kühlschrank im Zimmer. Kurz bevor der Wecker läuten soll, wache ich von allein auf. Nass von der Muttermilch. Gerade als ich mich hinsitze, um wieder abzupumpen, klopft die Nachtschwester auch schon an die Tür. Es ist Zeit, zum OP zu fahren. Wutzibutz wacht im selben Augenblick auf und geht noch mal mit mir aufs Klo. Das Krankenhaus-Nachthemd lässt er sich nicht anziehen, obwohl ich mir meines sogar über den Pyjama drüberziehe, um ihn zu animieren. Nichts da. Nacktsein ist viel schöner. Der Bettentransporteur schiebt sein Gitterbett, ich trage Wutzibutz. Im Bett zu sitzen ist ihm zu unheimlich.

Um kurz vor 6 sind wir die ersten im OP Bereich. Die Schwester fragt mich freundlich, ob es für mich die erste Operation meines Kindes ist und erklärt mir empathisch, was mich beim Setzen der Narkose erwartet. Dann kommt auch schon Dr. Geißler, der mit mir noch einmal den Operationsverlauf und die Betäubung durchbespricht. Alle meine Fragen werden beantwortet. Wutzibutz liest auf seinem Gitterbett sitzend ein Servus-Magazin und kommentiert die Kühe, Wasser und Weintrauben, die bei ihm Luftballons heißen. Obwohl alle um ihn herum so etwas wie Pyjama tragen, will er sein Nachthemd partout nicht anziehen. Ihm ist einfach nicht kalt, obwohl es hier unten wirklich um einiges kühler ist als oben im Zimmer. Nackt und zufrieden sitzt er wie der König in seinem Gitterbett mit der Clown-Luftballon-Bettwäsche.

Schließlich stellt sich noch der Anästhesist vor. Auch ihm zeigt er die Kühe und die Luftballons. Einmal noch sind wir kurz allein, dann geht es los.

Dr. Geißler, der Anästhesist und der Bettentransporteur kommen aus dem OP. Wutzibutz liest aufmerksam sein Servus Magazin. Die drei Männer tragen Mundschutz, doch das ist ihm egal. Der Anästhesist nimmt behutsam seine linke Hand und setzt mit der Nadel den Zugang. Wutzibutz schaut ruhig zu. Seelenruhig. Dabei hat er zuvor gar kein Beruhigungsmittel bekommen. Erst als der Anästhesist die Nadel mit einem Klebeband fixiert beginnt er zu jammern und zu weinen. Doch da spritzt der Anästhesist auch schon die Narkose. Wutzibutz weint nicht einmal 5 Sekunden, in denen ich ihn streichle. „Gleich kippt er um“, sagt Dr. Geißler. Und schon schließen sich die Augen meines Babys und er sinkt zurück, in meinen Arm und den von Dr. Geißler. „Bis später“, sagt er, hebt ihn hoch und verschwindet mit meinem nackten, narkotisierten Kind und den beiden anderen Männern durch die automatische Doppeltür in den OP. Das ist der grauenvollste Augenblick für mich als Mutter. Mein Kind ist weg. Ich kann nichts tun. Ein paar Tränen schießen mir in die Augen.

Ich atme tief durch und trete in den Fahrstuhl. Ich möchte kurz die Zähen putzen und meditieren, bevor ich auf zum Wartebereich beim Aufwachraum mache. Doch da geht schon wieder die Zimmertür auf und Papa kommt mit Baby herein. Jetzt zu stillen ist heilsam. So können meine Gedanken keine unliebsamen Purzelbäume schlagen. Die beiden hatten eine gute Nacht zusammen. Viermal stand Papa auf, um Fläschchen zu wärmen. Normalerweise bekommt er es nicht mit, wenn ich den Kleinen in der Nacht stille.

Gemeinsam gehen wir zum Wartebereich hinunter. Ich trage noch immer das Ensemble aus in Muttermilch getränktem Pyjama und Krankenhaus-Nachthemd. Eine dreiviertel Stunde nachdem die Männer mit meinem Kind verschwunden sind, kommt die OP-Schwester und sagt die erlösenden Worte: „Es ist alles in Ordnung. Er schläft noch im Aufwachraum. Sie können zu ihm.“ Ich küsse meinen Mann, streichle mein Baby und folge der Schwester in den Aufwachraum. Nur drei Betten sind da, die anderen Anschlüsse, Monitore und Atemmasken stehen an ihren Positionen und warten auf Verwendung. Mein kleiner Großer liegt zugedeckt in seinem Bett. Seine weichen Arme und der nackte Oberkörper ragen heraus. Die Heizdecke unter ihm hätte sie nicht eingeschaltet, meint die Schwester. Hätte mich auch gewundert, denn er schwitzt eigentlich so gut wie immer. Seine Augen sind zu. In der Kehle steckt noch ein Röhrchen, das verhindern soll, dass seine Zunge nach hinten klappt. Von außen sieht es aus wie ein Schnuller.

Die Schwester weiß nicht, wie lang er noch schlafen wird. Sie bringt mir einen Sessel. Ich streichle meinen kleinen Buben. Der Monitor bestätigt die Herzfrequenz. Lieber wäre es mir ohne die Wellen am Bildschirm und das ständige Piepsen. Ich streichle ihn, gebe ihm Bussis und warte. Dr. Geißler kommt und meint, alles sei gut gelaufen. Sobald wir wollen, können wir nach Hause gehen. Aber er wird nicht gleich laufen können, wenn er aufwacht. Essen darf er, duschen, nur baden nicht. Am Donnerstag sollen wir dann zu ihm kommen und Nähte ziehen. Wenn etwas sein sollte, ist er am Handy erreichbar. Freundlich lächelnd verabschiedet er sich. Ich warte weiter und streichle mein Kind.

Nach einer halben Stunde schließlich wacht er auf. Das Zungenröhrchen nehme ich ihm mit Hilfe der Schwester rasch aus dem Mund. Er ist noch ganz durcheinander. Den bunten Verband am Handgelenk, der den Venenkatheter schützen soll, will er runternehmen. „Das geht aber nicht, vielleicht braucht er noch etwas “. Erklär das einem zweijährigen Trotzkopf. Noch ist er aber zu müde, um sich effektiv zu wehren. Immer wieder legt er sich hin und kuschelt sich in sein Bett. Dann will er aufstehen, doch die Beine sind noch zu betäubt, als dass er stehen könnte. Das verwirrt ihn, aber er legt sich erst mal wieder hin. Dann wieder soll ich ihn halten und tragen. Den Verband an der Hand beseitigt er schließlich erfolgreich und bekommt von der Schwester gleich wieder einen neuen. Er weint und schreit. Es hilft nichts, dass der Teddybär und die Mama auch einen Verband bekommen. Der Verband muss runter. Vielleicht macht der Luftballon, den eine Schwester aus einem Schutzhandschuh aufbläst gute Laune? Sie malt sogar noch ein Gesicht drauf. Nichts da. Die ganzen Ablenkversuche bringen nichts. Zum Glück dürfen wir gleich aufs Zimmer. Aber auch da gibt er keine Ruhe und will nur diesen blöden Verband runter haben. Die Schwester meint, sie dürfe eigenhändig nichts machen. Ja dann fragen sie bitte den Anästhesisten. Gesagt getan. Zehn Minuten später erlöst die Stationsschwester meinen Wutzibutz endlich und er wird ruhig.

Gehen kann er noch immer nicht. Aber Hunger hat er! Mit dem Kipferl in der Hand ist er zufrieden und auch Mama freut sich über ihr Frühstückstablett. So einen Hunger hatte ich schon lange nicht mehr. Tollpatschig – die Betäubung wirkt noch nach – löffelt Wutzibutz sein Joghurt. Die Lebensgeister kommen allmählich zurück in den Körper meines kleinen Großen, der schon mehr will, als er kann. Zum Glück gibt es Youtube am Handy und einen Fernseher am Zimmer. Die Fernbedienung übt auch ihre Faszination aus. Wir kuscheln nebeneinander im Bett. Es gibt nichts Besseres auf der Welt! Mutterliebe ist die schönste Form von Liebe!

Um halb 11 verabschieden wir uns von den Schwestern. Das Zimmer wird uns zu klein. Wutzibutz muss raus, Mama und Familie auch. Im Auto überkommt mich schließlich der große Hunger und ich merke, wie mein Kreislauf in Standby-Modus geht. Geschafft! Mein Kind hat seine Operation überstanden. Ich brauche ein paar Stunden, einiges an zuckerhaltigen Milchbrötchen und ein Cola, um wieder in Schwung zu kommen. Wutzibutz nicht. Er übertaucht sogar seinen Mittagsschlaf. Am Ende des Tages frage ich mich, für wen so eine Kinder-OP das größere Ereignis ist: für den Patienten oder die besorgte Mutter, die eine Entscheidung nach der anderen treffen und die Kontrolle abgeben muss?

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