Mama auf Fortbildung

Ein Woche Kurs von Montag bis Freitag zwischen 9 und 17 Uhr. Wie soll Mama das organisieren? Und wie mach ich das mit meinem Stillbaby?

„Wir haben Ihre Bewerbung um ein Stipendium für den Zertifikatskurs erhalten. Ich freue mich, Ihnen mitzuteilen, dass wir einen der sechs Stipendienplätze an Sie vergeben möchten.“

Freude! Ungläubigkeit! Bis jetzt begann der zweite Satz in solchen Schreiben immer mit den Worten „Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass…“. Diese Version kenne ich noch nicht. Nach dem ersten großen Hurra folgt die Ernüchterung. Im sehe ich viele Fragezeichen vor meinem geistigen Auge. Wie soll das gehen? Wir organisieren wir uns? Wie lange kann der Große bei der Tagesmutter bleiben? Wer holt ihn ab? Wer passt auf das Baby auf, das beim ersten Kursmodul 4 Monate alt sein wird? Oder ist er gar im Kurs dabei? Wie mach ich das mit dem Stillen? Wieviel muss ich abpumpen? Panik.

Ich lenke den Fokus zurück auf die Freude. Aus der schöpfe ich Energie. Ich habe fast zwei Monate Zeit, nach Antworten und helfenden Händen zu suchen. Die Oma hat ausgerechnet am ersten Kurstag eine Operation und fällt erst mal aus. Blödes Timing, aber lässt sich nicht ändern. Die Nichte aus Peru fliegt am vierten Kurstag zurück nach Hause und kann ein paar Tage helfen. Bei der Tagesmutter stocken wir die Stunden auf und können den Großen bis 16 Uhr in ihrer Obhut lassen. Der Papa nimmt sich ein paar Tage frei und macht dafür Wochenenddienst in der Arbeit. Er wird den Großen somit von der Tagesmutter abholen und kann gemeinsam mit der Nichte auf das Baby aufpassen und es mir zum Stillen vorbeibringen. Für die letzten eineinhalb Tage habe ich noch meine Babysitterin für den Kleinen und meine Schwester, die den Großen abholt. Milch pumpe ich ab, so oft es geht. Baby kann mit vier Monaten dann zwar schon Reismilch trinken, trotzdem bin ich stundenmäßig flexibler, wenn er sein Eiweiß aus der Muttermilch bekommt.

Alles ist vorbereitet und organisiert. Dann kommt der erste Kurstag. Papa bringt den Großen zur Tagesmutter. Die nächsten Tage wird er bis 16 Uhr bei ihr bleiben. Ich fühle mich schuldig, mein zweijähriges Kind acht Stunden am Tag in Fremdbetreuung zu geben. Es ist in Österreich alles andere als Usus und wird von vielen Menschen verurteilt. „Warum bekommt die Frau ein Kind, wenn sie sich nicht darum kümmern will?“, hört man immer wieder. Irgendwo im Kopf bleiben diese Kommentare hängen. „Es ist ja nur für eine Woche“, erkläre ich meinem schlechten Gewissen. Trotzdem bleibt ein Teil von mir die ganze Woche über schuldbewusst.

Zusammen mit der Nichte und meinem Baby machen wir uns auf den Weg zu meinem Kurs. Kinderwagen, Babytrage, sieben Windeln, Feuchttücher, zwei Garnituren Wechselgewand für den Fall der Fälle, drei Mullwindeln, ein Liter Reismilch im Tetrapack, ein leeres Milchfläschchen und 2 Beutel mit 180 Millilitern tiefgefrorener Muttermilch. Ich trage Schuhe, die ich sonst nie anhabe, eine Halskette, Concealer und Wimperntusche, um die Augenringe zu kaschieren. Heute will ich mich nicht nur als Mutter fühlen. Der Markhof, so heißt der Kursort, soll kinder- und babyfreundlich sein, das macht es schon mal leichter. Barrierefrei ist er aber nicht. Also tragen wir den Kinderwagen die schmale Treppe hinauf in das Café im Eingangsbereich. Ein paar meiner KurskollegInnen sitzen schon beim Frühstück. Viel Zeit, die anderen kennen zu lernen habe ich nicht. Zunächst müssen wir die Räumlichkeiten inspizieren. Wo können wir wickeln? Wo Milch aufwärmen? Wo können die Nichte und der Papa mit dem Kleinen sitzen und spielen? Wo ist es ruhig genug für das Baby zum Schlafen?

Der Markhof ist tatsächlich die perfekte Location für das erste Kursmodul, vor allem für mich als stillende Mutter. Die Kinder aus dem Co-Learning Zentrum freuen sich über das Baby. Es gibt einen großen Kühlschrank und einen Herd, auf dem wir die Milch wärmen dürfen. Im Café oder im Bereich vor unserem Seminarraum kann ich gut stillen. Los geht’s!

Der erste Vormittag besteht darin, die anderen KursteilnehmerInnen kennen zu lernen. Wir haben zwei Pausen, in denen ich ausgiebig stille. Die Nichte findet sich auch schon ganz gut zurecht, sodass Papa am späten Vormittag beruhigt nach Hause gehen kann. Er hat selbst für eine Prüfung zu lernen, bevor er den Großen um 16 Uhr von der Tagesmutter abholt und mit ihm zum Eltern-Kind-Turnen geht. In der Mittagspause essen wir gemeinsam mit drei anderen Teilnehmerinnen bei einem Italiener in der Nähe. Einige der Frauen im Kurs haben auch Kinder, aber schon Größere. Ach ja, sie können sich daran erinnern, wie es war mit einem Baby und sind selbst auch damit gefordert, den Alltag mit Kindern zu organisieren. Wäre ich ohne Baby da, hätten wir vermutlich gar nicht über unsere Kinder gesprochen. Jede hätte so getan, als wäre sie ein Vollprofi und hätte das Leben voll im Griff. Kinder und Babys erlauben es, dass wir weich werden und zu unseren Schwächen stehen. Eigentlich schön, dass dafür im Rahmen einer beruflichen Fortbildung Raum ist.

Als meine Pasta endlich kommt, hat Baby Hunger und es ist wieder Zeit, zum Kurs zurückzugehen. Ich lasse mein Essen einpacken. Baby schläft in der Trage am Weg zurück zum Markhof ein. Ich lege ihn in den Kinderwagen und lasse ihn bei der Nichte. Mein Mittagessen verspeise ich am Boden sitzend in der hintersten Ecke im Kursraum. Dann nehme ich wieder Platz und bin voll dabei. Zwei weitere Stillpausen am Nachmittag, dann ist es 17 Uhr. Der Papa und der Große sind noch beim Eltern-Kind-Turnen. Ich bin froh, denn so bekommt Wutzibutz nicht mit, dass ich den ganzen Tag bei einer Fortbildung war. Ist ihm vermutlich eh völlig wurst wo ich bin. Und dass ich einen Tag mal eine Stunde oder zwei weniger mit ihm verbringe, verkraftet er mit seinen 2 Jahren und 2 Monaten auch schon gut. Vor allem, wenn er mit anderen lieben Menschen beisammen ist, und mit anderen Kindern herumtoben kann.

Um 18 Uhr sind endlich alle zu Hause. Spielen, Abendessen, Kind wickeln und baden, Baby wickeln, stillen, noch ein bisschen spielen, und ab ins Bett. Geschafft! Der erste Kurstag ist zu Ende. Ich fühle mich ein bisschen wie einer Superheldin. Und ich bin erschöpft! Das war erst der Anfang, aber alles ist so gelaufen, wie ich es mir gewünscht und ausgemalt habe. Und allen Beteiligten scheint es gut zu gehen.

Der zweite Kurstag ist inhaltlich intensiv. Mit Baby geht alles wieder wunderbar. Ebenso am dritten Kurstag. Knapp eine Stunde in der Früh und eineinhalb bis zwei Stunden am Abend mit meinem zweijährigen zu verbringen ist echt wenig. Mir ist es zu wenig. Ich bin froh, dass wir sonst mehr Zeit miteinander haben. Im Badezimmer türmen sich Berge an Babywäsche. Ich wollte eigentlich das Gewand in der nächsten Größe herausholen und das kleinere verstauen, doch das hab ich vor dem Kurs nicht mehr geschafft. Der Lurch in den Ecken vermehrt sich. Normalerweise haben wir die Hausarbeit gut zwischen uns aufgeteilt, doch da Papa ebenfalls viel Zeit mit dem Baby im Markhof verbringt, damit ich nach Bedarf, Lust und Laune stillen kann, bleibt zu Hause alles diese Woche liegen. Ich bin müde. Der Kurs ist wirklich interessant, doch insgeheim freue ich mich schon, wenn die Woche vorbei ist.

Am vierten Kurstag bin ich Vormittags ohne Baby dabei. Der Papa nimmt ihn mit zum Flughafen, um die Nichte zu verabschieden. Ich fühle mich komisch, fast nackt. Es ist das erste Mal, dass ich für mehrere Stunden von ihm getrennt bin. Obwohl es gut ist, ein paar Stunden „nur Ich“ zu sein, freue ich mich, als Baby zu Mittag wieder da ist. Mein Busen freut sich auch, die Milch endlich loszuwerden.
Es ist ein schöner Tag, sonnig und warm. Wir bekommen eine Führung durch den Markhof und erfahren einiges über die dortige Foodcoop, den Co-Working Space, die Ateliers und vor allem das Lernprojekt, in dem um die vierzig Kinder außerhalb des Schulsystems unterrichtet werden. Die Kinder sind freundlich, aufgeschlossen, kochen Mittagessen, helfen putzen, und lernen, was sie in ihrem Alter laut österreichischem Bildungsplan lernen sollten – aber eben offener und freier.
Papa sitzt mit dem Baby in der Sonne im Innenhof und wird schließlich von der Babysitterin abgelöst. Es ist ein Privileg, diesen Kurs – noch dazu mit Stipendium – machen zu können, mit freundlichen und interessanten Leuten, an einem derart aufgeschlossenen Kursort, unterstützt vom Papa und anderen Menschen in unserem Netzwerk. Ich bin zutiefst dankbar.

Fast ist der Kurs zu Ende. Eine Stunde noch. Eine Abschlussrunde, bevor alle auseinandergehen und sich in eineinhalb Monaten wiedersehen. Baby hat Hunger. Nach dem Stillen nehme ich ihn mit zur Abschlussrunde in den Vortragsraum. Die TeilnehmerInnen müssen etwas notieren. Also nimmt mir die Organisatorin den Kleinen kurzerhand ab. Aber auch sie hat die Hände nicht frei. Also wandert er weiter zum Kursleiter, der mit der Organisatorin und meinem Baby am Arm beim Projektor steht, wo die abschließende Aufgabe erklärt wird. Mein Lieblingsteil des ganzen Kurses und ein Bild, das ich so schnell nicht vergessen werde. Auch beim Kursfoto ist Baby dabei, auf meinen Armen in der Bildmitte. So darf es sein, wenn Mütter arbeiten oder sich fortbilden. Wenn Karriere und Familie zusammenfinden.

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