Halbe Mama – ein Ausflug mit dem Baby

Ob ich mit dem Baby für eine Nacht mit einer Freundin wegfahren möchte und Wutzibutz beim Papa lassen? Ich überlege und sage schließlich „ja!“.

Über drei Monate ist Sonnenschein nun schon wieder alt. Es war ein heißer Sommer in der Stadt. Mein Bedürfnis nach Natur, nach Wald, nach den Bergen ist so groß wie schon lange nicht mehr. Wenn ich vor die Haustür trete, auf die stark frequentierte Fußgängerzone, wo Zigarettenstummeln und Essensreste den Asphaltboden schmücken, teilweise sehr eigenartige Leute an mir vorbei gehen, wo die Hitze steht, gerempelt wird, es laut ist… dann will ich einfach nur weg von hier! Höchste Zeit also einen Kurzausflug. Da kommt die Frage meiner Freundin wie gelegen.

Ich muss trotzdem überlegen, ob ich den zweijährigen Wutzibutz, der gerade Eifersucht auf seinen kleinen Bruder für sich entdeckt, und seinen Papa, der manchmal auch etwas eifersüchtig wird, wenn ich mein Ding durchziehe, „allein“ lasse. Ich lasse den Gedanken ein paar Tage sitzen. Ja aber hallo! Warum eigentlich nicht?!

Drei Wochen später – genug Zeit für Papa und Mama, sich jeweils mental darauf vorzubereiten – ist es so weit. Die Herausforderung, allein etwas zu unternehmen, ist immer dann noch größer, wenn ich nicht wegen der Arbeit oder anderer familiärer Verpflichtungen weg bin, sondern einfach nur so. Nur für mich. Am Ende ist es mein eigenes schlechtes Gewissen, das mir in die Quere kommt. Denn ich muss genauso Kraft tanken, wie es der Papa bei ein paar Stunden Beachvolleyball tut. Aber ich bin eben die Mutter. Mutter mit all den Idealen und Dogmen im Kopf, die eine gute Mutter angeblich ausmachen. Ach wie ich mir wünsche, dass unsere Gesellschaft diese Ideale endlich überwindet und Frau und Mann als kraftvolle Personen miteinander leben, nicht aneinander vorbei. Die Veränderung der Gesellschaft fängt aber wie immer ganz nah an: bei mir nämlich. Unbequem. Es braucht Überwindung. Aber es ist so wichtig! Also los!

Sonnenschein kommt mit. Er wird schließlich voll gestillt. Außerdem freue ich mich darauf, meinem Baby für mehr als 24 Stunden ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Einfach nur er und ich, und meine Freundin. Für eineinhalb Tage darf er Einzelkind sein. Wenn ich wirklich auftanken möchte, dann darf ich nicht greifbar sein. Ich muss weit genug weg, damit ich mich für die Männer zu Hause nicht zuständig fühle und sie wirklich sich selbst überlassen kann. Zwei Stunden Autofahrt von Wien sind ideal dafür und für zwei Tage gut machbar – auch mit Baby und zahlreichen Fahrpausen.

Es geht auf die Hangler-Huab’n in der Nähe von Aflenz in der Steiermark, eine Jausenstation am Berg, wo auch Ferienwohnungen vermietet werden. Am frühen Nachmittag ist die Jausenstation gut besucht. Alle Tische sind besetzt. Wir nehmen eine der breiten Holzliegen und machen erst Mal eine Kaffeejause, das Baby auf dem Schaffell zwischen uns. Im Hintergrund mäht immer wieder eine Ziege, ihr Glöckchen bimmelt. Stimmengewirr von der Terrasse. Sonst nichts. Einfach mal wieder stundenlang miteinander quatschen und sich austauschen, ohne dass einer Wutzibutz hinterherlaufen muss. Ist das schön! Dazwischen stillen, Baby tragen, streicheln damit er einschläft… so idyllisch war das damals mit dem ersten Kind? Fast unvorstellbar. Die Zeit vergeht schnell. Auf einmal ist es 7 Uhr abends. Die Gäste auf der Jausenstation werden weniger und wir beziehen unsere Ferienwohnung in dem großteils selbst renovierten Bauernhaus. Viel Holz, ein kleiner Balkon mit wunderschönem Blick auf das Aflenzer Tal. Die Kaffeejause geht fast nahtlos ins Abendessen über. Jede hat eine Kühltasche mit Leckereien mitgebracht. Wir machen es uns leicht: Fertigtortellini mit 4 Käsesorten aus dem Kühlregal dürfen es sein, dazu selbst gebackenes Brot und Sprossen und ein paar andere Kleinigkeiten. Sonnenschein wird ins Bett gebracht, dann quatschen wir noch weiter bis zur Schlafenszeit.

Am nächsten Morgen wache ich wie immer gegen zehn nach 6 auf. In mir höre ich Wutzibutz‘ Stimme. „Mama, auf-tehn!“ „Njam, njam. Nogut (=Joghurt)“ Im Schlafzimmer ist es ruhig, bis auf die morgendlichen Pups-Geräusche des Babys. Heute darf ich neben ihm weiter dösen, bis der Hunger mich doch übermannt. Ein großes Frühstück, dann ist sogar noch Zeit für einen ausgiebigen Spaziergang im Wald. Die paar Kilometer haben es in sich! Ich bin schon lang nicht mehr in der freien Natur gegangen. Meine Freundin macht mich auf meine komische Körperhaltung aufmerksam. Ich beginne, mich endlich wieder aufzurichten, meinen Bauch anzuspannen, mehr mit der Kraft aus meiner Mitte zu arbeiten. Ich bin kein Fan von Rückbildungsgymnastik und nehme mir vor, einfach im Alltag zwischendurch wieder mehr darauf zu achten. Und auch, wenn mir für ausgiebige Yoga-Einheiten die Zeit fehlt, sind zwei Sonnengrüße zwischendurch besser als gar nichts!

Die Heimfahrt vergeht schnell. Viel zu schnell. In Wien erschlägt mich die Stadt fast. Gerade noch war alles so friedlich, so ruhig, fast harmonisch. Hier in der Stadt wuselt es. Ich brauche ein paar Stunden, um mich hier wieder einzuleben – fast länger als der Ausflug gedauert hat! Wutzibutz wurde bereits von Oma von der Tagesmutter abgeholt. Auch das habe ich mir noch erlaubt. Irgendwann wird all das ganz normal sein. Im Moment sind diese Kleinigkeiten ganz wichtige Schritte hin zu einem gemeinsamen Alltag, wie er für uns passt. Hin zu der Mutter, die ich sein kann und möchte. Dafür hat jede einen eigenen Gradmesser. Für mich ist es wichtig, meine Arbeit zu machen und dazwischen auch ohne Kinder Kraft zu tanken. Dann ist das Zusammenleben wieder umso schöner. Es sagt sich so leicht, die Umsetzung freilich braucht immer wieder Überwindung. Und einen Partner, der mitspielt, auch wenn er anfangs über meine Einfälle nicht immer übersprudelt vor Begeisterung. Kommunikation ist das ein und alles, und das kann ich mit meiner Freundin, die selbst fünf (teilweise schon erwachsene) Kinder hat, bei unserem Ausflug mit Baby super für den Alltag zu Hause üben!

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