Mama über Nacht unterwegs

Nach 16 Monaten ist es so weit: ich bin über Nacht weg. Gleich zwei Nächte, und das in Vorarlberg – also nicht gerade um die Ecke von Wien. Es ist höchste Zeit für mein Vagabunden-Herz, auch einmal wieder schlagen zu dürfen!

Er ist da! Tag X. Der Tag, an dem ich das erste Mal in meinem Leben als Mutter wegfahre und nicht zurück sein werde, um Wutzibutz in der Nacht zu umarmen oder ihm in der Früh einen guten Morgen zu wünschen. Ich werde die ganze Nacht über weg sein. Ich werde nicht kontrollieren können, ob er gut zugedeckt ist, ihm nicht seine Wasserflasche geben oder ihm die volle Windel wechseln, bevor sie übergeht. Und das gleich zwei Nächte hintereinander.

Ich habe diesen Tag schon erwartet und fühle mich bereit dazu. Auch der Papa ist bereit und Wutzibutz sowieso. Ich habe mich auch schon darauf gefreut, und da ist es wieder: das schlechte Gewissen, dass ich als Mama nicht jeden Tag und jede Nacht an der Seite von meinem kleinen Kind verbringen mag sondern Luft brauche. Ich weiß, es wird mir als Mutter und uns als Familie guttun, dass ich diesen langerhofften Auftrag an Land gezogen habe, der mich nun nach Vorarlberg führt. Die Arbeit wird mich erfüllen. Ich werde alte Freunde wiedertreffen und die verschneite Winterlandschaft in der Vorweihnachtszeit genießen. Ich werde Zeit haben, mit meiner langjährigen Mitbewohnerin wieder einmal längere Gespräche zu führen. Und ich werde endlich wieder die Skier anschnallen und ein paar Schwünge machen – aber nur ganz gesetzt auf der Piste und nicht zu sportlich. Ich bin nämlich auch wieder schwanger und möchte es nicht übertreiben. Diese Schwangerschaft ist für mich treibender Motor, mir vermehrt den Raum zu nehmen, den ich brauche. Denn in ein paar Monaten schon wird sich mein ganzes Sein wieder um das Wohlbefinden eines kleinen neuen Menschenkindes kümmern.

Zur Unterstützung gebe ich Wutzibutz in der Früh wieder Granatapfel Bachblüten und nehme sie auch selbst. Dann bringe ich ihn zur Tagesmutter. Er merkt, dass etwas anders ist und kommt zweimal zurück, um sich von mir zu verabschieden. Dann spaziert er fröhlich in die Wohnung hinein zu den anderen Kindern. Ich schau, dass ich weiterkomme, bevor er es sich anders überlegt. Außerdem muss ich noch packen.

Allein wieder einmal nur für mich zu packen, geht so viel schneller, als wenn ich an all die Babysachen denken muss. Ich bin es gar nicht mehr gewohnt, mich nur um mein Zeug zu kümmern und stehe viel zu früh am Bahnhof. Von Wien bis Linz sitzt eine junge Mutter mit ihrer sechs Monate alten Tochter mir gegenüber – das Gesetz der Anziehung. Dann beginne ich, mich richtig auf meine zwei Tage als „Nur-Ich“ einzustimmen. Die sechsstündige Zugfahrt vergeht schnell. Im dichten Schneegestöber erreicht der Zug den Arlberg. Weiter geht es die steilen Serpentinen hinauf und schon bin ich in Lech. Am Abend lade ich meine Freundin zum Essen ein. Alt werden wir nicht. Ich bin müde und möchte versuchen, die Nacht genug Schlaf zu bekommen, bin ich es ja gar nicht mehr gewohnt, durchschlafen zu können. Es gelingt mir auch nicht. Erstens schlafe ich auf der Couch mit nicht gerade kuscheligen Decken. Ein Hotelzimmer wäre schon nett gewesen. Mich richtig verwöhnen lassen. Ausspannen. Vielleicht sogar mit Wellness-Bereich… Doch das ist leider nicht im Budget drinnen. Zweitens: ich bin noch immer im Mama-Modus, der sich nicht so leicht abschalten lässt, was bedeutet, dass ich mehrmals die Nacht aufwache und horche, ob eh alles neben mir in Ordnung ist. Einmal wach, schlafe ich auch nicht so leicht wieder ein. Wirklich erholsam ist die erste Nacht weg von meinem Wutzibutz also nicht.

Doch den sonnigen Arbeitstag im Schnee genieße ich sehr. Dazwischen laufe ich alten Freundinnen über den Weg, die jetzt alle kleine Kinder haben. Ein bisschen komisch ist es schon, mit ihnen und ihren Wutzis zusammen zu sitzen, ohne meinen eigenen Wutzibutz dabei.

Die zweite Nacht schlafe ich viel besser. Ruhiger. Das war die Nacht, auf die ich gehofft hatte. Erholsam. Regenerierend. Jetzt bin ich bereit, wieder nach Hause zu fahren. Das schönste an den zwei Tagen ist es, von Wutzibutz und seinem Papa am Bahnhof abgeholt zu werden. Zunächst registriert mein Kleiner mich gar nicht. Er versteht noch nicht, was es bedeutet, Mama vom Zug abzuholen. Erst als ich ein paar Sätze zu ihm sage und ihn hochhebe, blickt er mich mit seinen großen Augen an und beginnt zu grinsen. Ach, wie lieb ich mein Kind habe! Es gibt kein schöneres Gefühl auf dieser Welt! Und weil alles so gut geklappt hat, ergibt sich ja vielleicht bald wieder und noch vor der Geburt meines zweiten die Gelegenheit für eine Nacht als „Nur-Ich“ – dann aber möglichst ohne schlechtes Gewissen.

 

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